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Fallbeispiele

Interview mit Jan*

30 Jahre alt, in der Gastronomie tätig

Wann und warum hast du angefangen zu kiffen?
Das erste Mal habe ich mit 14 oder 15 mit Freunden gekifft. So richtig angefangen habe ich dann mit 16, als ich in die Lehre kam. Erst eher aus Gruppenzugehörigkeit, weil es durch das Kiffen irgendwie leichter war dazuzugehören und später dann zur Stressbewältigung. Meine Lehre war zu dieser Zeit ziemlich anstrengend. Ich hatte viele Arbeitsstunden, lange Arbeitstage und habe Cannabis wirklich zum Runterkommen genommen. Das hat sich dann leider ziemlich schnell gesteigert – von 1 bis 2 g in der Woche auf 1g am Tag. Das war 2014 und richtig aufgehört habe ich erst vor wenigen Wochen. Es gab zwar zwischendurch mal eine Pause von 1 ½ Jahren, aber ich hatte einen Rückfall. Um es dieses Mal wirklich durchzuziehen, habe ich mir die Unterstützung einer Suchthilfestelle geholt.

Hast du während deiner Zeit als Kiffer Veränderungen an dir bemerkt?
Ja, mit der Zeit wurde ich total träge, habe weniger Sport gemacht und war irgendwie nicht mehr richtig fit. Außerdem habe ich angefangen Freunde und Familie zu vernachlässigen. Ich habe ständig Sachen rausgeschoben und sogar ganze Wochenenden verpennt. Ich habe mich dadurch total von meinem sozialen Umfeld isoliert.

„Ich hatte viele Arbeitsstunden, lange Arbeitstage und habe Cannabis wirklich zum Runterkommen genommen.“

Hast du außer Cannabis auch andere Drogen probiert?
Nein, ich habe nur Cannabis konsumiert – also Gras und Haschisch. Allerdings habe ich im Freundeskreis erlebt, wie Cannabis zu einer Art Einstiegsdroge wurde. Das was da mit den Leuten passiert ist, war wirklich abschreckend und deshalb habe ich nie irgendwelche chemischen Drogen genommen.

Wann hast du entschieden, dass du etwas gegen deine Cannabis-Sucht machen musst?
Der Wendepunkt kam, als die gesundheitlichen Probleme anfingen. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch und es bestand der Verdacht auf einen Schlaganfall – und das als junger Mensch in den Zwanzigern. Der Neurologe hat schließlich ein Burnout festgestellt. Meine Ärzte sagten mir, dass das nicht nur von dem Stress kommt, den ich hatte, sondern vor allem auch durch das Cannabis. Mir wurde dringend geraten eine Entgiftung zu machen. Eigentlich sollte ich eine stationäre Behandlung machen, die wäre mir aber zu kurz gewesen und die Rückfallgefahr zu groß. Deshalb habe ich mir dann selbst eine Suchthilfeeinrichtung gesucht, die mich auch über einen längeren Zeitpunkt betreut. Das war mir wirklich wichtig, um endgültig den Absprung zu schaffen.

Wie siehst du Cannabis heute?
Zwiespältig. Ich glaube, dass nicht jeder der kifft auch süchtig ist. Aber die Schwelle zur Sucht ist schnell überschritten. Ich dachte früher auch, dass ich meinen Konsum unter Kontrolle habe. Aber er steigerte sich rapide…

„…Und plötzlich hatte ich die Kontrolle verloren.“

Was würdest du heute anderen, die kiffen oder überlegen zu kiffen, mit auf den Weg geben?
Jeder soll seine eigenen Erfahrungen machen und selbst entscheiden ob er kifft oder nicht. Aber es ist wichtig die Grenzen zu kennen und nicht die Kontrolle zu verlieren. Man sollte seinen Konsum immer kritisch reflektieren und hinterfragen. Sonst verliert man viel Lebenszeit und das bereut man später.

„Jeder soll seine eigenen Erfahrungen machen und selbst entscheiden ob er kifft oder nicht.“

Warum unterstützt du diese Kampagne?
Ich finde, dass Cannabiskonsum ein wichtiges Thema ist, das insbesondere in Berlin in Watte gepackt wird – unter anderem durch die aktuelle Legalisierungsdebatte. Klar kann Legalisierung irgendwie funktionieren aber das Ganze kann auch schwer nach Hinten losgehen. Vielleicht kann ich mit meiner Geschichte anderen helfen, nicht in die Sucht zu rutschen und auch mal über die Gefahren nachzudenken, die Cannabis haben kann.

Interview mit Dennis*

29 Jahre alt, Industriekaufmann

Wann und warum hast du angefangen zu kiffen?
Ich habe das erste Mal mit 13 gekifft. Das war beim Angeln mit einem Kumpel. Wir waren einfach neugierig und wollten mal probieren. Danach habe ich erst wieder mit 17 gekifft. Da war die Neugier wieder da, unter anderem auch durch den Einfluss der Medien- und Musikindustrie. Dort wurde das Kiffen ziemlich gehypt und damit konnte ich mich identifizieren. Außerdem kifften meine Freunde auch. Wenn ich ehrlich bin, hat es beim ersten Mal nicht mal wirklich gewirkt, da habe ich eher so getan als ob es wirkt. Dann habe ich es einfach wieder probiert und irgendwann wurden die Abstände kürzer. Anfänglich war ich dabei noch abhängig von Freunden, weil ich keinen Joint drehen konnte, aber dann habe ich es gelernt und konnte jederzeit kiffen. Ich habe dann insgesamt 11 Jahre lang gekifft.

„Da war die Neugier wieder da, unter anderem auch durch den Einfluss der Medien- und Musikindustrie..“

Hast du während deiner Zeit als Kiffer Veränderungen an dir bemerkt?
Am Anfang war ich ziemlich gut drauf und hatte Lachflashs. Das war eigentlich ganz witzig, sonst hätte ich ja nicht weitergemacht. Filme und Musik konnte ich viel intensiver wahrnehmen und konnte „voll gut“ über Gott und die Welt philosophieren. Ich hatte echt den Eindruck, den richtigen Durchblick zu haben, fühlte mich wie ein richtiger Philosoph bzw. „Kifferphilosoph“. Aber mit der Zeit stieg mein Konsum und ich wurde zunehmend antriebslos, faul und im Alltag total passiv. Außer es ging darum neues Zeug zu besorgen, da wurde ich richtig aktiv. Wind und Wetter konnten mich nicht davon abhalten, irgendwo im nirgendwo Stunden lang auf den Ticker zu warten. Egal wie nervig das Warten war, mit dem ersten Zug war alles vergessen, alles egal. Das war die Erlösung von dem ganzen Mist, doch jeder weitere Zug war dann nur noch Sucht. Ich dachte wirklich, dass ich das ganze unter Kontrolle hatte, dass es meine Entscheidung und mein Wille ist, der mich weiter an dem Joint ziehen lässt, doch das war nur eine Illusion. Ich habe es mir eingeredet, nur um der Wahrheit nicht ins Auge zu sehen, dass ich hoffnungslos „MaryJane“ verfallen war. Wenn sie sagte, spring, fragte ich nur, wie hoch. Und jedes Mal wenn ich mir sagte, heute kiff ich nicht, heute bin ich mein eigener Herr, saß ich abends wieder auf meiner Couch und kiffte mir meine Welt bunt und schön. Die Frage „Kann ich jederzeit damit aufhören?“ – wurde mit „Klar kann ich aufhören, ich will bloß nicht!“ gekontert. Wie naiv ich doch war.

„Ich hatte echt den Eindruck, den richtigen Durchblick zu haben, fühlte mich wie ein richtiger Philosoph…“

Wann hast du entschieden, dass du etwas gegen deine Cannabis-Sucht machen musst?
Dass Cannabis nicht gut ist, das war mir eigentlich schon ziemlich früh klar. Das habe ich immer geahnt, mir aber nie so richtig eingestanden. Dann kamen die Probleme. Ich habe für mein Fachabi 4 statt 2 Jahre gebraucht, weil ich so viel gekifft habe, und bin schließlich sogar durchgefallen. Danach bin ich bei meinen Eltern ausgezo-gen und der Konsum wurde noch stärker. Ich habe zu dieser Zeit 7, 8 Joints oder auch mehr am Tag geraucht. Dann bekam ich eine 3-monatige Psychose. Ich landete mehrfach im Krankenhaus, wollte aber nie bleiben. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich selbst verliere und das wollte ich nicht. Also ging ich freiwillig in eine Klinik und blieb anschließend 1 ½ Jahre clean. Und dann kam der Rückfall. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ein Tief, ein Gefühl der inneren Leere, dass ich mit Cannabis betäuben wollte. Ich habe quasi direkt an mein vorheriges Konsumverhalten angeknüpft. Ich hatte am Anfang sogar Kopfschmerzen, habe aber weitergemacht und irgendwann wurde ich wieder antriebslos. Dann wurde ich Vater. Das hat dazu geführt, dass ich weniger gekifft habe aber ganz aufgehört habe ich nicht. Meine Freundin hat mich dann schließlich vor die Wahl gestellt: Kind oder Kiffen. Ich habe 2 bis 3 Wochen mit mir gekämpft und mich dann für das Kind entschieden. Ich habe mir die Unterstützung einer Suchtberatung geholt und bin jetzt schon seit einiger Zeit clean.

„Dann bekam ich eine 3-monatige Psychose. {…} Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich selbst verliere und das wollte ich nicht.“

Wie siehst du Cannabis heute?
Cannabis ist eine harte Droge, die etwas mit dir macht. Viele sagen ja, dass es nur Gras ist, ein Naturprodukt und damit eine leichte Droge. Das kann ich aber nicht bestätigen. Das ist nicht mehr das Kraut der Hippies, sondern hochgezüchtetes Zeug.

Was würdest du heute anderen, die kiffen oder überlegen zu kiffen, mit auf den Weg geben?
Jeder der kifft oder überlegt zu kiffen, sollte sich über Cannabis informieren. Man sollte sich immer bewusst sein, dass das heutige Cannabis hochgezüchtet wurde und nicht mehr so harmlos ist wie früher. Außerdem sollte jeder bedenken, dass die Dealer nur Geld im Kopf haben. Die strecken das Cannabis skrupellos mit unbekannten Sachen, wie Vogelsand oder Haarspray. Wenn man schon kifft, dann sollte man sich dessen bewusst sein und immer auf sauberes Zeug achten.

„„Was bleibt also? Ein lückenhaftes Gedächtnis und ein Leben das die meiste Zeit mit Chillen auf irgendeiner Couch verbracht wurde. Diese Lebenszeit kriege ich nie wieder.“

Warum unterstützt du diese Kampagne?
Das hat verschiedene Gründe. Einerseits ist die Teilnahme eine Bestätigung für mich selbst – für meine Abstinenzentscheidung. Wie gesagt, es gab ja am Anfang auch lustige Zeiten und manchmal gibt es einfach Momente, in denen man sich gern an diese Zeiten zurück erinnert. Doch das meiste habe ich vergessen. Was bleibt also? Ein lückenhaftes Gedächtnis und ein Leben das die meiste Zeit mit Chillen auf irgendeiner Couch verbracht wurde. Diese Lebenszeit kriege ich nie wieder, aber ich werde meine restliche Zeit nicht mit Bedauern vergeuden. Chillen macht Spaß, aber wenn Chillen und Kiffen zum einzigen Lebensinhalt wird – und das geht ganz schnell – , weil Menschen mitunter auch Gewohnheitswesen sind, dann verpasst man sehr viel und braucht sich später nicht wundern, warum alle anderen an einem vorbei ziehen und man selber auf der Strecke bleibt. Egal, erstmal einenb Joint kiffen und dann noch einen und dann noch einen und noch einen.
Vielleicht kann ich mit meiner Teilnahme und mit meiner Geschichte anderen helfen, nicht in die gleiche Situation zu kommen, in der ich war. Man braucht ein Gleichgewicht zwischen aktiv und passiv sein, dass schwankt immer und pendelt sich dann ein, doch durch das Kiffen kann es sich eben nicht wieder einpendeln und es herrscht ein Ungleichgewicht. Das kann und ist auf Dauer nicht gesund. Das kann ich mit meiner Lebensgeschichte bestätigen..

*Wir haben hier zum Schutz den Namen geändert.

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